Seit ein paar Wochen gibt es in Zway ständig Probleme mit dem Strom. Das betrifft dann nicht nur Teile der Stadt, sondern die ganze. Also ist bei uns das Stunden vorbereiten bei Kerzenschein keine Ausnahme mehr. Wir hatten auch schon mal das Vergnügen, die Aspiranten am Abend ohne Licht zu unterrichten, was dann eher zu einem abrupten Ende geführt hat, da man einfach seine eigene Schreibhand ab irgendeinem Zeitpunkt nicht mehr gesehen hat.
Auch das Duschen und Haare waschen mit einem halben Kübel Wasser ist kein Problem mehr. Wir sind also auf gutem Wege, von den Shortages unabhängig zu werden. Das einzige Problem ist da halt das Internet. So lange hab ich nichts mehr geschrieben, vor allem deswegen, weil ich es nicht hätte ins Internet stellen können. Aber jetzt starte ich wiedermal einen Versuch.
In einem Monat hat sich natürlich schon wieder einiges getan:
Ende Oktober- zum Nationalfeiertag, waren wir auf die österreichische Botschaft in Addis Abeba eingeladen. Von unseren Vorgängerinnen wussten wir, dass man sich diesen Abend wegen der österreichischen Küche nicht entgehen lassen sollte.
Letztendlich waren wir aber nicht so begeistert vom Abendessen, und recht österreichisch wars auch nicht! Die Feier war zwar recht kurz, aber sehr nett. Die österreichische Residenz ist mehr als komfortabel, sieht eher so aus wie eine Villa, alle Zimmer befinden sich auf einer Ebene, das Wohnzimmer und der Speiseraum sind durch einen riesigen Bogen verbunden und es steht ein Flügel neben der Ledersofagarnitur. Also alles auf sehr elegant. Das Botschafterpaar ist sehr freundlich, sie hatten aber auch nicht viel zu sagen. Die Rede war kurz und bündig und auf Englisch, was überhaupt ausschliesslich den ganzen Abend gesprochen wurde. Wir haben ausserdem den Altersdurchschnitt der Gäste sicher um 30 Jahre gesenkt. Was sehr schön war, war das Lagerfeuer in der Mitte des Gartens, wo wir eigentlich die ganze Zeit gesessen sind und auf euch zu Hause angestossen haben. Viele neue Kontakte konnten wir dort auch nicht knüpfen, aber es war trotzdem ein feiner Abend.
Die Fahrt nach Addis und zurück nach Zway war dieses Mal noch abenteuerlicher als zuvor. Wir haben uns über den Public Transport getraut
Bei der Hinfahrt war ja noch alles ok, da sind wir ganz vorne gesessen, ich, nicht angeschnallt natürlich, in der Mitte, über dem Motor, auf einer Art Schleudersessel, auf dem man die ganze Fahrt lang nur dran gedacht hat, wie man auf der Strasse ausschaut, wenns zu einer Vollbremsung kommt. Zusätzlich muss erwähnt werden, dass wir statt 2 ½ Stunden, 5 Stunden nach Addis gebraucht haben! Auf dem letzten Stück, von Mojio nach Addis, ist immer viel Verkehr in beide Richtungen, ich schätz mal dass da viele Pendler hin und herfahren, aber es sind auch ganz viele Trucks und Lastwagen unterwegs. In Addis angekommen ist unser Minibus zusammen gebrochen. Wir waren noch lange nicht am Ziel, es konnte uns auch niemand sagen, wo wir waren und wie wir nach Mekanissa zum anderen Volo-Projekt kommen. Es war halb 9 am Abend, also auch schon komplett finster. Nachdem das Auto nach einer halben Stunde irgendwie wieder zum Starten gebracht wurde, sind wir weitere 5 Minuten gefahren, bis es wieder den Geist aufgegeben hat! Dann sind auf einmal alle bei irgendeiner Tankstelle ausgestiegen und in alle möglichen Richtungen verschwunden. Ein Mädchen, die glaub ich gemerkt hat, dass wir arm waren, hat uns zu sich her gewinkt und gefragt wo wir hin müssen. Die war dann so süss und hat uns in ein Taxi nach Mekanissa gesetzt. Da die Pechsträhne natürlich fortgesetzt werden musste, ist auch dieser Taxi-Minibus nach 2 Minuten Fahrt zusammengebrochen. Daraufhin hats uns gereicht und wir sind zu Fuss mit irgendeinem Mann in eine Richtung gegangen. Dann haben wir endlich die Mekanissa Volos erreicht, die uns dann von einem Platz in der Nähe abgeholt haben. Soviel zur Hinfahrt. Die Rückfahrt war, was Auto und Strasse betrifft, sehr problemlos. Jedoch sind wir ganz hinten in einem vollgestopften Minibus gesessen, wo meine Beine eigentlich nicht Platz gehabt haben, und die anderen Fahrgäste waren nicht willig, auch nur ein einziges Fenster länger als 30 Sekunden zu öffnen. So war ich da hinten eingezwängt und hab mich die ganze Fahrt lang mit Übelkeit gewunden
Zumindest schnell waren wir, die Fahrt hat nur 2 ¼ Stunden gedauert. Ich hoff, dass ich sobald nicht wieder den Public Transport benutzen muss
.
Was ist in Zway passiert?
Wir haben die Klassen geteilt! Die Julia und ich unterrichten jetzt beide alle Klassen der Junior School, aber jeweils nur die Hälfte der Schüler. Diese Trennung wollten wir unbedingt erreichen, da Spoken English mit 60 Kindern einfach unmöglich zu unterrichten ist. Also haben wir schon eine Zeit lang davor versucht, die Verantwortlichen zu überzeugen, jedoch ist der Vorschlag nicht gar so gut angekommen. Brother Mehari, Direktor von der Junior School, hat sich aber ganz schnell für uns eingesetzt und uns einen zweiten Raum, die Bibliothek, vorbereitet, in der wir jetzt immer mit einem Teil der Klasse hin wandern. Wir sind sehr sehr froh darüber, der Unterricht macht viel mehr Spass so, die Schüler sind zwar immer noch laut, aber viel überschaubarer, da jetzt höchstens nur noch 35 Kids in einem Raum sitzen. Ich hoffe, auf diese Weise engeren Kontakt zu meinen Schülern aufbauen und den Unterricht mehr individuell und interaktiv gestalten zu können. Ich bin schon gespannt, wie sich das jetzt entwickelt. Das war jetzt auf jeden Fall schon ein grosser Fortschritt.
In Tokuma verbringen wir immer mehr Zeit. Mit einigen Kindern haben wir bereits ein sehr enges Verhältnis. Letzte Woche waren wir so gut wie täglich in Tokuma. Nachdem wir vorletztes Wochenende das ganze Volontärshaus geputzt haben, haben wir die ganzen Schuh- und Kleiderspenden, die im Haus aufbewahrt werden, zusammengesammelt und geordnet. Daraufhin haben wir vor allem am Dienstag die Schuhe unter den Kindern verteilt. Ich hab Kinderaugen noch nie so strahlend und aufgeregt gesehen, wie an diesem Tag. Einzeln durften sie in unseren selbst aufgebauten kleinen Shop kommen, in dem wir alle Schuhe wie in einer Auslage aufgestellt haben. Zusammen haben wir dann geschaut und entschieden, welche Schuhe für welches Kind am besten passen. Nachdem dann so gut wie jedes Kind ein paar Schuhe gefunden hatte, sind sie herum gerannt und gesprungen und haben alles ausprobiert, was mit den neuen Schuhen möglich ist. Das war so unglaublich süss zum Zuschauen. Also nicht vergessen, gebrauchte, aber noch tragbare Schuhe, vor allem Kinderschuhe, niemals wegschmeissen!
Seit einigen Wochen hab ich ‚schönen Müll‘ gesammelt, um mit den Kindern in Tokuma kleine Manschgerln zu basteln. Letzten Donnerstag haben die Julia und ich dann die ganzen verwertbaren Sachen wie leere Klopapierrollen, Medizinverpackungen, Stoffreste, Strohhalme und einiges an Altpapier nach Tokuma mitgenommen. Zuvor habe ich schon ein Beispielmännchen zu Hause gebastelt, um die Ideen und die Fantasie der Kinder anzuregen. Nach der Reihe haben wir den Kindern immer gesagt, welchen Teil des Körpers sie basteln sollten, um ein plötzliches Chaos zu vermeiden. Je nachdem, an welchem Teil gerade gearbeitet wurde, haben sie die notwendigen Materialien bekommen. Zusammen mit der Lehrerin der Kinder in Tokuma, Haftama, haben wir währenddessen den Kleineren geholfen, da sie nicht wirklich wussten, wie Klebstoff und Schere zu benutzen sind
. Das war auch sehr sehr nett.
Am Wochenende sind wir mit den Italienern in den Süden gefahren. Da sie nur noch drei Wochen in Äthiopien sind, wollten sie vorher noch ein bisschen herum reisen. Unser Reiseziel war Dilla, wo sich ebenfalls ein grosses Projekt der Salesianer befindet. Die kleine Stadt ist ungefähr 300 Kilometer von Zway entfernt. Wiedermal hatte ich schon wahnsinnige Freude auf der Fahrt, denn die Unterschiede der verschiedenen Gegenden in Äthiopien an sich vorbeiziehen zu sehen ist so schön und spannend. Richtung Süden wird es von Kilometer zu Kilometer grüner. In Dilla ist das Klima beinahe schon tropisch, daher auch Flora und Fauna vielfältiger und alles andere als trocken. Auch die Erde, der Boden verändert sich enorm. So ist in Dilla die Erde ziegelrot
. Das war sehr interessant.
Das Projekt der Salesianer dort ist wahnsinnig gross und sehr umfangreich. Am Compound befindet sich also nicht nur ein normaler Kindergarten und eine Schule, sondern auch eine Technische Schule, ein Trainingscenter für Frauen und ein Feedingcenter. Letzteres war für mich am beeindruckendsten. An jedem Tag der Woche, bis auf sonntags, kommen 400 der ärmsten Frauen und Kinder von Dilla zu Mittag in dieses Feedingcenter und bekommen dort ein warmes Mittagessen. Die Halle, in der die Ausgabe und das gemeinsame Mahl stattfinden, ist gar nicht besonders gross, und doch haben dort 400 Menschen Platz. Ich hätte nie gedacht, dass, wo alle gesessen sind, 400 Personen anwesend war, doch zu Vergewisserung habe ich die Projektleiter gefragt, die mir die Zahl bestätigt haben
. Während dem Essen habe ich mich zwischen diese vielen Kinder gesetzt und mich hat ein ganz starkes Gefühl von Traurigkeit und Bedrücktheit aber auch von Freude und Glück gepackt, da all diese Gesichter so viel Hoffnung in sich tragen, obwohl sie durch Narben und dergleichen schon so eine lange Geschichte von Trauer und Angst erzählen und ihre Körper nur von Lumpen bedeckt sind. Beim Zuschauen sind mir einige Tränen gekommen, nachdem sie alle gemeinsam, bevor sie zum Essen begonnen haben, einige Lieder gesungen und gebetet haben. Ganz stolz haben die Kinder alle ihre Englischkenntnisse ausgepackt. So habe ich ungefähr hundert Mal in einer Stunde erzählt wie ich heisse, wie alt ich bin und woher ich komme. Es war einfach so toll und faszinierend, dort dabei zu sein. Jedes Jahr wird neu entschieden, welche Frauen und Kinder ins Feedingcenter kommen können, je nach Bedürfnis.
Nachdem wir eine Führung durchs ganze Projekt bekommen haben, haben wir eine Volontärin aus Österreich, Wien
, getroffen, die ebenfalls seit September mit der Organisation Vides in Äthiopien ist, mit der wir dann noch einige Zeit verbracht haben.
Am nächsten Morgen sind wir ganz früh mit dem Father Roberto in eine Aussenstation von Dilla gefahren, und waren mit dabei bei der Messe dort. Das war auch sehr interessant, weil Chor und Messgestaltung ganz anders war, viel afrikanischer
.
Danach wollten die Julia und ich uns allein ein bisschen auf den Weg machen, um Dilla zu erkunden. Einige Kinder sind sofort mit uns mitgegangen, haben uns an den Händen genommen und haben uns zum einem unglaublich schönen Platz geführt, an dem ein Wasserfall in einen anschliessenden Fluss mündet. Das war eine Wanderung über Stock und Stein, ständig bergauf und bergab, durch eine Art Tschungel, ich ganz toll ausgestattet mit Flip-Flops, aber ich habs geliebt. Noch dazu waren die kleinen Buschen so süss und haben voll Gas aufgepasst, dass uns nichts passiert auf den ‚gefährlichen‘ Stücken
. Irgendwann am Weg bin ich während dem Plaudern mit ihnen draufgekommen, dass einer von ihnen der Bruder von einem unserer Aspiranten war. Das war unglaublich, ich hab mich so gefreut! So hatten wir einen voll tollen Vormittag. Nach dem Mittagessen in Dilla, haben wir uns wieder auf den Heimweg gemacht. Die Fahrt war problemlos und wir waren froh, wieder gut daheim zu sein.
In so vielen Situationen bin ich so glücklich, hier und nicht woanders zu sein. Jeder Tag ist aufs Neue etwas Besonderes, erlebnis- so wie erfahrungsreich. Immer mehr und besser erlernen wir Amharisch, was die Kommunikation mit den Menschen unglaublich erleichtert und vertieft. Alle Leute sind so toll und gehen mit geöffneten Armen auf uns zu, sind interessiert und möchten mit uns in Kontakt treten. Das ist eine Sache, die mir hier einfach so gut gefällt. Umso mehr möchte ich mich bemühen, hier mein Bestes zu geben, und überall jene Menschen unterstützen, wenn sie es brauchen. So viel beginnt man erst zu verstehen, wenn man mal eine Zeit hier gelebt hat.
Bald kommt nun der wohl schwierigste Monat, in dem das Zuhause dann doch fehlt, mit all den Besonderheiten in der Zeit um Weihnachten, die so vertraut, gewohnt und geliebt sind. Doch wir werden versuchen, uns auch bei 35 Grad und ohne Punsch oder Weihnachtsbaum so gut wie möglich in Weihnachtsstimmung zu versetzen.
Nächstes Wochenende sind wir wieder nicht in Zway, wir düsen nach Addis Abeba auf den NGO-Markt, um ein paar Weihnachtsgeschenke für euch Lieben daheim zu besorgen! Ich wünsch euch einen ganz schönen Adventbeginn im Vorhinein, schickts mir ein paar Schneeflocken, sobald sich diesbezüglich was tut in Österreich, im Gegenzug schick ich ein bisschen Wärme und einige Sonnenstrahlen in die Heimat. Viele Bussis an all meine lieben Leute in good old Vienna, und ebenfalls ausreichend Liebe an meine Lieben nach MOLDAVIEN, Australien, Indien und Equador. Wir sind solche Abenteurer, über die ganze Erde verteilt. Oft stell ich mir vor, wie wohl die Welt bei euch gerade ausschaut…

































































